DAS MÄRCHEN VON DER ROSE

Aus der Reihe: Heidi träumt von der Liebe

Es war einmal ein Mann und eine Frau. Sehnlichst hatten sie sich Kinder gewünscht. Doch da dieser Wunsch nicht in Erfüllung ging, beschlossen sie eines Tages, zwei Samen in ihren Garten zu pflanzen und diese symbolisch zu ihren Kindern zu erklären.

Einer der beiden erblickte als erster das Licht der Welt, und er zeigte anfänglich ein gutes Wachstum. Mit dem anderen hatten sie große Mühe, denn trotz guter Pflege wollte dieser anfänglich nicht recht gedeihen.

Aber da er eine schöne Pflanze zu werden versprach, kümmerten sie sich beide rund um die Uhr um ihn, und ihre Mühe wurde fürstlich belohnt, denn eine wunderschöne Pflanze erwuchs daraus.

Was aus dem anderen Samen geworden war?

Ach ja, den hatten sie gänzlich vergessen, aber es war auch nicht schade um ihn, denn er hatte sich zu einer widerspenstigen, stachligen, hässlichen Pflanze entwickelt, die einen mit Verletzung strafte, wenn man sich ihr näherte, als wollte sie die ganze Welt bestrafen, dafür, dass man sich so wenig um sie gekümmert hatte.

Man musste sich mit dicksten Handschuhen, Messern und Scheren bewaffnen, um sie zu bändigen, und weil sie sich den Gegebenheiten nicht anpassen wollte, verbannte man sie an einen kargen, dunklen Ort und fesselte sie an eine Mauer, wo man ihren Anblick nicht länger ertragen musste und der Gefahr ihrer Dornen nicht länger ausgesetzt war.

Dort sollte sie ihr Dasein fristen, bis ans Ende ihrer Tage.

Viele, die vorüber kamen schütteten ihre Abfälle auf sie, spotteten und beschimpften sie, ob ihrer Hässlichkeit, was ihre Dornen vor Wut und Zorn nur noch länger und stachliger werden ließ. Denn sie hasste die Welt, und die Welt hasste sie.

Eines Tages kam ein junger Prinz vorbei. Nie hätte er diesen Platz aufgesucht, aber er war schattig und kühl, und er wollte sich dort zu einer kleinen Rast niederlassen. Als er sich an die Mauer lehnte, um ein wenig zu schlafen, wurde er plötzlich von einer dieser Dornen an seiner Hand verletzt.

Erschrocken wendete er sich der borstigen Pflanze zu und fragte mit weicher, warmer Stimme: „Wer bist du, dass du an dieser Mauer gefesselt dieses unwürdige Dasein fristest?“ Die Pflanze erschrak nicht minder, denn nie zuvor hatte sie jemand so angesprochen, oder nach ihr gefragt, und so antwortete sie bissig: „Wer ich bin, das siehst du doch; ich bin ein stachliges, hässliches Etwas, ohne Blüten und jetzt lass mich gefälligst in Ruhe!“

„Ich sehe, dass du stachlig und ohne Blüten bist, aber wie sollst du an diesem dunklen einsamen Ort Blüte und Früchte tragen und wissen wer du wirklich bist? Wenn du willst, nehme ich dich mit auf mein Schloss. Dort werde ich dir einen sonnigen Platz an meiner Schlossmauer suchen, die dir Halt geben soll, und wo du frei empor ranken kannst, um dich zu entfalten und zu werden, die du in Wirklichkeit bist.“

So geschah es. Und nach einiger Zeit war aus dem dornigen Etwas eine prächtige Kletterrose geworden, die die Schlossmauer im Sommer in einen purpurfarbenen Blütenteppich verwandelte, und deren leuchtend orangerote Früchte im Herbst bis ins Tal zu sehen waren.

Und noch etwas Wundersames war geschehen. Die Rose hatte unter dem Schutz des Prinzen ihre Dornen abgelegt, denn sie brauchte sie nicht mehr.

So wurde die dornenlose Rose geboren.

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